Konzert Berlin Radialsystem • 25. April 2015

BOULANGERIE VIII
ELLIOTT CARTER GEWIDMET 
PROGRAMM 

Elliott Carter, Elegy für Violoncello und Klavier (1943)
Elliott Carter, Figments II, “Remembering Mr. Ives” für Violoncello solo (2001)
Charles Ives, Trio (1904/1911)
Elliott Carter, Epigrams (2013)
Gast: Anssi Karttunen, Violoncello

Elliott Carter

Der Komponist Elliott Carter ist international als eine der herausragenden amerikanischen Stimmen klassischer Musik und eine führende Gestalt der Moderne im 20. und 21. Jahrhundert anerkannt. Andrew Porter feierte ihn als „Amerikas großen musikalischen Dichter“; sein Freund Aaron Copland sah in ihm „einen von Amerikas herausragenden schaffenden Künstlern aller Bereiche“. Carters überaus produktive Karriere erstreckte sich über mehr als 75 Jahre und brachte über 150 häufig von einem Sinn für Witz und Humor gekennzeichnete Werke hervor, von Kammermusik über Orchesterstücke bis hin zu Opern. Er erhielt zahlreiche renommierte Ehrungen, darunter gleich zweimal den angesehenen Pulitzerpreis: für sein 2. Streichquartett von 1960 und sein 3. Streichquartett von 1973. Zu seinen weiteren Auszeichnungen zählen der Ernst von Siemens Musikpreis und der Kompositionspreis der Fondation Prince Pierre de Monaco. Als erster Komponist erhielt Carter die United States National Medal of Arts, und er gehört zu einer Handvoll Komponisten, die in die American Classical Music Hall of Fame gewählt wurden. Die französische Regierung erkannte ihm gleich zwei Auszeichnungen zu: die Ernennung zum Commandeur des Arts et Lettres und im September 2012 zum Commandeur der Ehrenlegion.

Elliott Carter wurde am 11. Dezember 1908 in New York geboren. Die Anregung zum Musikstudium gab ihm sein Freund und Mentor Charles Ives. Carter studierte zunächst an der Harvard-Universität bei Walter Piston und Gustav Holst; später reiste er nach Paris, wo er Unterricht bei Nadia Boulanger erhielt. Im Anschluss an sein Studium in Frankreich kehrte er nach New York zurück und widmete sich dem Komponieren und Unterrichten. Zu seinen Stationen als Lehrer zählten unter anderem das Peabody Conservatory, die Yale University, die Cornell University und die Juilliard School of Music.

Carters frühe Werke weisen einen neoklassizistischen Stil auf; Meisterwerke aus dieser Zeit sind etwa seine 1. Symphonie (1942) und die Holiday Overture(1944), die unter dem Einfluss seiner Zeitgenossen Copland, Hindemith und Strawinsky entstanden. Nach 1950 wendete er sich vom Neoklassizismus ab und entwickelte einen ganz eigenen, unverkennbaren rhythmischen und harmonischen Stil mit häufiger Tempo-Modulation. Sein Doppelkonzert für Cembalo, Klavier und zwei Kammerorchester (1961) und sein Klavierkonzert (1967) rühmte Igor Strawinsky als Meisterwerke.

Über seine gesamte Schaffenszeit hinweg vertonte Carter zahlreiche Werke der Literatur und Lyrik, unter anderem von berühmten amerikanischen Schriftstellern und Dichtern wie John Ashberry, Elizabeth Bishop, E.E. Cummings, Robert Frost, Wallace Stevens und William Carlos Williams. Ein wahrer Schaffensrausch in den 1980er-Jahren brachte Werke wie die Night Fantasies (1980), das Triple Duo (1983), Penthode (1985) und große Orchesterwerke wie das Oboenkonzert (1986/87), Three Occasions for Orchestra (1989), das Violinkonzert (1990) und Symphonia: sum fluxae pretium spei (1993–96) hervor. Carters einzige Oper, What Next? (1997/98) wurde 1999 von Daniel Barenboim, einem großen Förderer von Carters Musik, in Berlin uraufgeführt. Carters Schaffensrausch, der zu einem auffallend späten Zeitpunkt seiner Karriere einsetzte, hielt in einem erstaunlichen Tempo an. Mehr als 60 Werke entstanden nach seinem 90. Geburtstag, darunter wichtige Werke zeitgenössischer Musik wie das Cellokonzert (2000), Of Rewaking(2002), Dialogues (2003), Three Illusions for Orchestra (2004), Mosaic (2004) und In the Distances of Sleep (2006).

Im Jahr 2008, dem Jahr seines 100. Geburtstags, feierte man Carter mit Ehrenbezeugungen und Hommagen auf Konzertpodien und Musikfestivals in der ganzen Welt. Zu seinem Geburtstag fand in der New Yorker Carnegie Hall die Uraufführung von Interventions für das Boston Symphony Orchestra unter James Levine und mit Daniel Barenboim am Klavier statt.

In seinen letzten Jahren brachte Carter in erstaunlicher Regelmäßigkeit neue Werke hervor. Sein Flötenkonzert (2008) wurde von Emmanuel Pahud und dem International Chamber Music Ensemble uraufgeführt. What are Years (2009) ist ein Auftragswerk der Festivals in Aldeburgh und Tanglewood. Im Jahr 2009 erlebte das Concertino for Bass Clarinet and Chamber Orchestra seine Premiere durch Virgil Blackwell und das New Music Concerts Ensemble Toronto. Bei einem Konzert zu Ehren von Carters 103. Geburtstag im Dezember 2011 waren gleich zwei Weltpremieren zu hören, die von seinem Streichtrio (2011) und von A Sunbeam’s Architecture (2010), sowie zwei Überraschungswerke, die er in dem Monat vor dem Konzert geschrieben hatte: Rigmarole und Mnemosyné. Zu Carters letzten Werken gehören Dialogues II (2012), ein Daniel Barenboim gewidmetes, wenige Wochen vor Carters Tod im Alter von 103 Jahren uraufgeführtes Konzert für Klavier und Orchester, und Instances (2012) für das Seattle Symphony Orchestra.

Anssi Karttunen

© Irmeli Jung

Anssi Karttunen ist ein echter Trendsetter und einer der innovativsten Cellisten der heutigen klassischen Musikszene. Er begann in seiner Heimat Finnland, diesem einzigartigen Nährboden für die Musik, im Alter von vier Jahren mit dem Cellospiel und hat sich seitdem weltweit einen Namen als Solist und Kammermusiker gemacht. In seinem Repertoire bringt er frischen Wind in die Standardwerke für sein Instrument, entdeckt zahlreiche vergessene Meisterwerke wieder und erarbeitet seine eigenen Transkriptionen. Er spielt auf modernen, Klassik- und Barockcelli sowie auf dem Violoncello piccolo und dem E-Cello. Letzteres spielt auch eine wichtige Rolle bei seinem aktuellen Multimedia-Solorezital mit Bildern, Videos und Elektronik, das Werke von Kaija Saariaho, Thierry Pécou und Pablo Ortiz einschließt.

Anssi Karttunen ist ein leidenschaftlicher Verfechter der zeitgenössischen Musik. Seine Zusammen­arbeit mit Komponisten wie Magnus Lindberg, Kaija Saariaho, Pascal Dusapin, Luca Francesconi und Tan Dun hat zu über 170 Uraufführungen, darunter von 29 Cellokonzerten, geführt. So spielte er Magnus Lindbergs Cellokonzert Nr. 1 mit dem Orchestre de Paris sowie sein Cellokonzert Nr. 2 mit dem Los Angeles Philharmonic, Esa-Pekka Salonens Mania mit Avanti! und Luca Francesconis Rest mit RAI Torino. Im Auftrag des Boston Symphony Orchestra schrieb Kaija Saariaho das Cellokonzert Notes on Light für Anssi Karttunen. Seit 2007 hat er es über 50 Mal aufgeführt, unter anderem mit dem Finnish Radio Symphony Orchestra, Swedish Radio Symphony Orchestra, NDR Sinfonieorchester, Concertgebouw Orkest Amsterdam, Orchestre de Paris und New World Symphony. 2018 brachte er Betsy Jolas’ Side Roadsmit dem Swedish Chamber Orchestra und Gérard Korsten zur Uraufführung, das jüngst in einer Aufnahme mit dem Orchestre d’Auvergne veröffentlicht wurde. Geplant sind Uraufführungen neuer Werke von Antti Auvinen, Ramon Lazkano und Sean Shepherd.

Anssi Karttunen arbeitet mit so namhaften Orchestern wie dem Philadelphia Orchestra, BBC Symphony, NHK Orchestra, SWR Sinfonieorchester, den Münchner Philharmonikern, Ensemble Modern, Rotterdam Philharmonisch Orkest, Danish National Radio Symphony Orchestra, Oslo Philharmonic, Helsinki Philharmonic, New World Symphony oder Mahler Chamber Orchestra. Er ist regelmäßiger Gast bei bedeutenden Festivals wie Edinburgh, Salzburg, Lockenhaus, Berlin, Venedig, Strasbourg und Helsinki. Zudem tritt er mit seinen Partnern des Zebra Trio – dem Geiger Ernst Kovacic und dem Bratschisten Steven Dann – auf beiden Seiten des Atlantiks auf. Mit dem Pianisten Nicolas Hodges, der Choreografin Diana Theocharidis und dem Produzenten, Komponisten und Multiinstrumentalisten John Paul Jones verbindet ihn ebenfalls eine enge Zusammenarbeit.

Anssi Karttunens Aufnahmen beweisen eine enorme Bandbreite: Sie reichen von Beethovens Gesamtwerken für Cello und Fortepiano (auf historischen Instrumenten) bis zu Solowerken des 20. Jahrhunderts. Bei der Deutschen Grammophon erschien eine DVD von Tan Duns The Map für Cello, Orchester und Video, und Sony Classical veröffentlichte die Konzerte von Lindberg, Saariaho und Salonen. Seine Einspielung von Henri Dutilleux‘ Tout un monde lointain mit dem Orchestre Philharmonique de Radio France und Esa-Pekka Salonen für die Deutsche Grammophon wurde 2013 mit dem Gramophone Award ausgezeichnet. Unter seinen jüngsten Aufnahmen finden sich Toshio Hosokawas Chant für Naxos, seine eigene Transkription von Brahms‘ Streichquintett für Toccata Classics sowie zwei Tango-CDs, erschienen bei Petals und Albany.

Anssi Karttunen wurde 1960 geboren. Er studierte unter anderem bei Erkki Rautio, William Pleeth, Jacqueline du Pré und Tibor de Machula. Von 1999 bis 2005 war Anssi Karttunen erster Cellist der London Sinfonietta. Von 1994 bis 1998 war er Künstlerischer Leiter des Avanti! Chamber Orchestra und von 1994 bis 1997 des Suvisoitto Festival in Porvoo, Finnland. Er leitete die Helsinki Biennale in den Jahren 1995 und 1997 sowie das Festival Musica Nova Helsinki 2015. Häufig unterrichtet er in Meisterkursen, so beispielsweise an der Carnegie Hall (gemeinsam mit Kaija Saariaho), bei der Cello Biennale Amsterdam oder an der University of California, Berkeley. 2008 initiierte er die jährlich in Kooperation mit der Sibelius Akademie unter seiner Leitung veranstaltete Workshopreihe „Creative Dialogue“ in Santa Fe. 2014 nahm er seine Lehrtätigkeit an der Ecole Normale de Musique in Paris auf. Anssi Karttunen spielt ein Cello von Francesco Ruggeri.

Saison 2020/2021

Samstag, 25. April 2015, 20 Uhr

Berlin, Radialsystem